Montag, 30. Januar 2017

Man darf die Mehrheit nicht mit der Wahrheit verwechseln.
Während viele Muslime längst in der modernen Unentschiedenheit zwischen religiöser Bindung und freier individueller Interpretation ihrer Gebote angekommen sind, die den Ramadan halten und trotzdem mit Freunden mal einen Hamburger essen, die Frauen der Großmutter zur Liebe das Kopftuch tragen und die Verheiratungsträume des Vaters charmant unterlaufen, werden unter Umständen im gleichen Stadtteil innerislamische Aufklärungsschübe rückgängig gemacht. Da reiben sich die säkular aufgewachsenen Eltern die Augen, wenn ihre eigenen Kinder religiös werden. Hier gehen Moderne, Technikbegeisterung und mittelalterliche Weltsichten unter Umständen ein gefährliches Bündnis ein.
Die Flucht in ein geschlossenes religiöses Weltbild, wo klar ist, wo man hingehört, wird zum Rettungsanker. Wer die Konversionsgeschichten von jungen Deutschen aus mittelgroßen Kleinstädten betrachtet, ahnt etwas von Verlorenheit, die Menschen muslimischer und nichtmuslimischer Herkunft in den Dschihadismus treibt. Natürlich spielt auch das Exotische, das Verbotene eine Rolle. Genauso gut hätten die jungen Leute vielleicht zur Gothic-Bewegung gehören können, wenn ihnen ein glaubwürdiger Vertreter über den Weg gelaufen wäre. Dann würden diese jungen Leute jetzt heimlich auf dem Friedhof rauchen. Auch nicht schön, aber kein Fall für die Sicherheitsbehörden. Das kann der Dorfpolizist regeln.
Aber der Erfolg der Rekrutierung für diese Kampfesreligion liegt tiefer. Sie deutet auf das Versagen von Familien und auch auf das Versagen der Kirchen und Moscheegemeinden, die diese jungen Menschen schon lange nicht mehr erreichen. Beunruhigend ist vor allem die Illusionslosigkeit, was den eigenen Platz in der Welt angeht, die tiefe Verachtung gegenüber einem politischen System, von dem Menschen den Eindruck haben, sie seien ohne jeden Einfluss auf das, was passiere und die enorme Gewaltbereitschaft, wenn es darum geht, das eigene Weltbild zu verteidigen. Die Religion wird hier zum Brandbeschleuniger der eigenen Wut, deren Quelle die Ohnmacht ist.
Meistens bleibt die Gewaltbereitschaft nur eine verbale Kraftmeierei, doch zwischenzeitlich ist diese Kraftmeierei in blanken Fanatismus umgeschlagen und bedroht unsere eigentlich friedliche Plurale Gesellschaft von Innen.
Die Sehnsucht nach dem Ästhetisch-Erhabenen, der vermeintlich richtigen Wahrheit, das wie ein Monolith aus der Welt der religiösen und politischen Kompromisse herausragt, fasziniert heute alle Religionen alle Konfessionen.
In dem Maße, wie die Weltanschauungskonflikte in der deutschen Gesellschaft sich verschärfen, werden Gerichte weiter letzte Instanz zur Befriedung dieser Konflikte.
Ich glaube, dass es manchmal ehrlicher und konsequenter wäre, wenn diese Konflikte politisch ausgetragen würden, aber es gibt eine lange Tradition, in das Recht einspringen muss, weil handfeste Religionskonflikte politisch selten befriedigend ausgetragen werden.

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