Sonntag, 18. September 2016

Immer nur auf Nummer Sicher gehen? Kinder brauchen auch Misserfolge für ihre Entwicklung. Weshalb es falsch wäre, sie davor bewahren zu wollen.
Sie kloppen sich am Spielfeldrand, bedrohen den Trainer und greifen den Schiedsrichter an. Bei Jugendspielen des Hamburger Fußballverbandes gilt daher seit dieser Saison eine neue Regel: Eltern müssen mindestens 15 Meter Abstand von der Seitenlinie halten.
Wozu gestresste Eltern fähig sind, aus Sorge, dass ein verlorenes Spiel, etwas Sand im Auge oder ein blauer Fleck das Heil des Kindes gefährden könnte, weiß Jessica Lahey. In ihrer Kolumne in der "New York Times" gibt sie alle zwei Wochen Erziehungstipps. Sie findet, dass langsam etwas aus dem Ruder läuft: "Um das Selbstwertgefühl unserer Kinder zu schützen, walzen wir alle Unebenheiten und Hindernisse auf ihrem Weg wie mit einem Bulldozer platt."
Diese aggressive Überbehütung hat sie so häufig beschäftigt, dass ein Buch daraus geworden ist. "The Gift of Failure" heißt es. Es ist bislang nur in den USA erschienen, wo es sich erstaunlich gut verkau . Ein "Lob des Scheiterns" zwischen all den Ratgebern, um größer, schneller, schöner, perfekter zu werden. Eben da liege das Problem, schreibt Lahey: "Wir erziehen unsere Kinder dazu, Angst vor Fehlern zu haben. Doch damit verbauen wir ihnen den sichersten und geradlinigsten Weg zum Erfolg."
Wieso sind Fehler so wichtig für die Entwicklung der Kinder?
In Christian Lukas-Altenburg Hilfe mein Kind kommt in die Pubertät 3, erscheint Auszugsweise die Deutsche Übersetzung des Amerikanischen Original mit Kommentierungen des Deutschen Publizisten und anschaulichen Beiträgen Deutscher Leser des Autors Christian Lukas-Altenburg
Eigentlich wissen Eltern, dass Lernen nicht ohne Fehler funktioniert. Das beweist ihnen ihr Kind mit zwölf bis vierzehn Monaten an einer Mammutaufgabe: Es lernt laufen.
Bis es wirklich sicher einen Schritt vor den anderen setzen kann, hat es sich Hunderte Male hochgezogen und wieder fallen lassen. Dabei dachte es nicht über Hebel- und Gravitationsgesetze nach, sondern hat einfach ausprobiert, wie stark es die Waden anspannen und wie weit es sich nach hinten lehnen muss, damit es aufrecht steht. Oder eben nicht. Trial and error.
Dieses Ausprobieren sei der Normalmodus des Gehirns, sagt Manfred Spitzer, der im Be- reich der kognitiven Neurowissenschaft forscht. "Lernen beinhaltet das Abschätzen eines wahren Wertes, den man nicht kennt."
Die vielen Fehler auf dem Weg dorthin speichert das Gehirn dabei nicht, sondern es leitet aus den Fehlversuchen ab, welches Prinzip dahintersteckt.
Am Ziel belohnt dann ein starkes Glücksgefühl die harte Arbeit. Je stärker ein Gefühl ist, das zusammen mit einer Erfahrung aufritt, desto tiefer wird sie im Gehirn verankert. Die heiße Herdplatte tut sehr weh, weshalb ein einziges Mal Anfassen reicht.
"Kinder mögen Fehler. Aber sie müssen sich angenommen fühlen, wenn sie welche machen"
Kinder lernen instinktiv aus Fehlern – wenn sie sich nur oft genug ausprobieren dürfen. Das macht sie selbstsicher, erfindungsreich und erklärt auch ihre beneidenswert hohe Frustrationstoleranz. Das Fahrradfahren klappt auch beim zehnten Versuch noch nicht? Dann eben beim hundertsten! Wenn nicht vorher Mama und Papa ins Spiel kommen.
Weshalb wollen Eltern die Fehler ihrer Kinder verhindern?
Eltern wollen, in den meisten Fällen jedenfalls, dass ihre Kinder glücklich sind. Weshalb die Versuchung groß ist, alles zu bekämpfen, was diesen Zustand unterbrechen könnte. "Dienstboteneinstellung" nennt das der dänische Erziehungsexperte Jesper Juul. Für seinen deutschen Kollegen Jan-Uwe Rogge ist es "der schnellste Weg, um irre zu werden". Damit meint er nicht nur die Eltern: "Kinder mögen Fehler. Aber sie müssen sich angenommen fühlen, wenn sie welche machen."
Nun sind Fehler aber arg nervig, denn sie kosten Zeit und bringen den präzise getakteten Alltag vieler Familien durcheinander. Es geht schneller, dem Kind selbst die Schuhe zuzubinden oder ihm das Paar mit Klettverschluss hinzustellen, anstatt das Kind selbst machen zu lassen. Und die sorglosen Nachmittage im Wald müssen oft den Nachhilfestunden und pädagogisch wertvollen Hobbys weichen.
Im Schnitt bekommen Mütter ihr erstes Kind mit 30 Jahren. Viele Eltern kennen daher die Voraussetzungen für beruflichen Erfolg. Sie wissen, wie man Projekte koordiniert und Prozesse optimiert. Wie man im Wettbewerb (auch mit anderen Eltern) besteht. "Aber die Strategien, die uns in der Berufswelt erfolgreich machen, lassen sich nicht eins zu eins in die Erziehung übertragen", schreibt die Erziehungskolumnistin Jessica Lahey. Mitarbeiter motiviert man anders als Kinder. Bei den einen zählen Ergebnisse – bei den anderen geht es um den Weg dorthin. Und wenn ein Kind auf diesem Weg scheitert, hat es deswegen keine schlechten Eltern. Auch wenn das viele von sich denken.
Wo riskante Spiele verboten sind, passieren mehr schwere Unfälle. Die Kinder lernen nicht, wo ihre Grenzen liegen
Was die Kinder selbst als wirklich schlechte Eigenschaft ihrer Eltern sehen, das zeigen Befragungen immer wieder, ist die Überwachung. Helikopter-Eltern nennt man diejenigen, die es mit der Kontrolle übertreiben. Oder Känguru-Mütter. Oder Curling-Väter – nach jener seltsamen Wintersportart, bei der die Eisbahn geschrubbt wird, damit der Stein so schön rutscht. "Die gab es immer schon, diese Überängstlichkeit mancher Eltern", sagt der Erziehungsberater Rogge. Aber sie wird immer größer.
1970 liefen noch 91 Prozent der Erstklässler alleine zur Schule, 2000 waren es nur noch 17 Prozent. Die meisten werden direkt vor das Schultor gebracht, was Morgen für Morgen ein Verkehrschaos auslöst. Ein echtes Problem, sagt Rogge, denn es gehe ja nur oberflächlich darum, den Weg alleine zu schaffen. "Die Kinder sehen im Winter andere Dinge als im Sommer, sie erleben auf ihre eigene Art die Natur. Sie blödeln mit den anderen herum, reden darüber, was sie in der Schule erlebt haben. Sie sind in Bewegung. Sie nehmen sich wahr. Das alles ist wichtig für ihr Selbstbewusstsein."
Was passiert, wenn Kinder keine Fehler machen dürfen?
Was aus Kindern wird, die keine Chance bekommen, Fehler zumachen, die schlimmstenfalls mit Liebesentzug bestraft werden, kann man nicht vorhersagen. Es gibt aber eine Reihe von Studien, die nichts Gutes erahnen lassen. Unfallversicherer haben untersuchen lassen, unter welchen Bedingungen es zu ernsten Verletzungen beim Spielen in Kindergärten kommt. Das erstaunliche Ergebnis: Wo riskante Spiele verboten sind, passieren mehr schwere Unfälle. Die Kinder lernen nicht, wo ihre Grenzen liegen.
Gerade in der Pubertät so Christian Lukas-Altenburg, probieren Kindern und Jugendliche ihre Grenzen auszuloten.
Hierbei so der Publizist und Sozialtherapeut, sollte man diesen auch ihre Freiräume lassen und selbst Erfahrungen machen zu können, wo den die eigenen Grenzen liegen.
In der Langzeitstudie KiGGS sehen sich Forscher an, wie groß die Gefahr ist, dass Kinder in Deutschland psychisch aufällig werden. Demnach gibt es bei jedem fünften Kind zwischen drei und siebzehn Jahren Hinweise auf psychische Störungen. Ursache sei auch der ständige Erwartungsdruck, so der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort: "Kinder können vor Erschöpfung ausbrennen wie beim Burn-out."
Beobachtet wurden auch depressive Mittzwanziger, die von einer sorgenfreien, behüteten Kindheit erzählen und sich von den ersten üblichen Stolpersteinen ihres eigenen Lebens aus der Bahn geworfen fühlen. Andere schieben dieses eigene Leben immer weiter nach hinten. 2011 lebten 23 Prozent der 18- bis 31-Jährigen noch zu Hause. In den USA liegt die Quote sogar bei 36 Prozent, was Jessica Lahey als "ungesunde Symbiose aus unglücklichen, mürrischen Eltern und unselbstständigen Kindern" beschreibt. Für sie ist klar: "Die Rückschläge, Niederlagen und Dämpfer, die wir unseren Kindern aus dem Weg räumen, sind genau die Erfahrungen, die sie zu ausdauernden und belastbaren Persönlichkeiten machen."
Wie kann man Kinder bei ihren Fehlern unterstützen?
Wer mit den Fehlern seiner Kinder entspannt umgehen will, benötigt eigentlich nur eines: Vertrauen. "Kinder sind vorsichtig, im wahrsten Sinne des Wortes", beruhigt Rogge. "Ein Klettergerüst zum Beispiel sehen sie sich vorher an wie ein Formel-1-Fahrer seine Strecke. Erst dann gehen sie Stufe für Stufe hinauf." Also nicht hinlaufen und helfen wollen, auch wenn die Technik noch so merkwürdig aussehen mag. Nicht immer "Pass auf!" rufen. Nicht immer die Lösung verraten, sondern versuchen, es auszuhalten, wenn sie es nicht gleich schaffen.
Kinder wollen ihre Forscherseele ausleben. Wie schlimm, wenn es nichts mehr zu entdecken gäbe! Sie sehnen sich nach Abenteuern und Herausforderungen. Nach Situationen, die auch für den Rest der Familie neu sind. Denn Kinder lieben ihre Eltern, wenn sie hin und wieder ein bisschen Abstand halten. Es müssen ja nicht immer genau 15 Meter sein.
Foto: Christian Lukas-Altenburg Wien Lesung 2013
Hilfe mein Kind kommt in die Pubertät 1+2

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