Sonntag, 12. April 2015

Etwa 68000 Häftlinge, die meisten davon Männer, sind derzeit in deutschen Gefängnissen eingesperrt. Die Gesamtkosten für den Strafvollzug betragen geschätzte drei bis vier Milliarden Euro pro Jahr
Die meisten Experten sind sich einig, dass weite Teile dieser gewaltigen Summe in einem System versickern, das in sich erstarrt ist und das mehr Probleme erzeugt, als es löst.
Man kann es einen Skandal nennen, dass fertige, erprobte Konzepte seit Jahren bereitliegen, die den Strafvollzug mittelfristig weit billiger und effektiver machen könnten, die jedoch zerrieben werden von den Mühlsteinen der föderalen Politik und der Angst der Kleingeister. Man muss es einen Skandal nennen,
dass ausgerechnet in den Gefängnissen, also im Zentrum der deutschen Justiz, rechtsfreie Räume entstanden sind und dass diese Tatsache seit Jahrzehnten geduldet wird.
Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen aus 2012 kommt zu dem Ergebnis, dass etwa 25 Prozent der befragten erwachsenen Häftlinge im Laufe eines Monats Opfer von körperlichen Übergriffen wurden.
Leider ging diese Studie nur auf die Zahl der Übergriffe ein,
nicht jedoch auf die Auslöser und Gründe, wie auch dem begegnen solcher Gewalt im Vollzug.
Bernd Maelicke, der als Junge gerade noch die Kurve gekriegt hat, sitzt auf der Terrasse eines Restaurants am Bodensee und erklärt, wie wichtig neue Wege im deutschen Strafvollzug sind, Wege, die er selbst gefunden hat. 15 Jahre lang leitete er den Strafvollzug in Schleswig-Holstein, er hat die Bewährungshilfe ausgebaut und dazu beigetragen, dass verstärkt geprüft wird, ob Gefangene vorzeitig entlassen werden können.
Heute ist Maelicke eine Koryphäe im Strafvollzug.
Er ist Praktiker und Theoretiker zugleich.
An der Universität Lüneburg ist er Professor, Landesregierungen berät er bei Resozialisierungsprojekten.
Es ist sein biografisches Grundprinzip, das im Mittelpunkt seiner Arbeit steht: Abweichende Lebensläufe, jedenfalls viele von ihnen, können korrigiert werden. Da mag geredet werden, was will: Dieses Prinzip ist keine Sache des Wollens, sondern des Müssens.
Es gibt keine Alternative. Bernd Maelicke hat es mit seiner Arbeit bewiesen.Der deutsche Strafvollzug hat ein dramatisches Problem: Er macht Menschen nicht besser, sondern schlechter.
Die Hälfte aller Strafgefangenen werden nach ihrer Entlassung wieder kriminell. Jeder vierte muss zurück in den Knast. Unzählige Straftäter beschreiben das allererste Eingesperrtsein als Schlüsselerlebnis für eine lebenslange kriminelle Karriere. Der deutsche Strafvollzug – ein funktionierendes System? Aber sicher, sagen die mächtigen Befürworter. Zum Beispiel Bayerns Justizministerin Beate Merk. Sie findet: »Das System Strafvollzug funktioniert.« Das Gefängnis mache die Häftlinge zu brauchbaren Menschen, es sei eine gute Chance, sich zu bessern. »Es wäre traurig, wenn ich daran nicht glauben würde – und unsere praktischen Erfahrungen geben mir recht.« Die Befürworter bauen ein Gegenbild auf, geradezu eine heile Welt. Der Strafvollzug resozialisiert, er trainiert Teamfähigkeit, strukturiert den Tagesablauf der Gefangenen, er bietet Berufsausbildungen und Anti-Aggressions-Trainings an, er schützt die Bevölkerung vor gefährlichen Kriminellen, Ausbrüche sind selten. Es gebe doch immer weniger Gefangene, heißt es, manche Anstalten sind sogar unterbelegt, fast jeder Justizpolitiker kann auf ein paar neue Therapieplätze verweisen. Und muss man die Zahlen nicht ganz anders lesen? Die Hälfte aller entlassenen Strafgefangenen bleiben straffrei, drei Viertel müssen nicht zurück ins Gefängnis. Hört sich das nicht schon richtig gut an?
quelle Zeit und Lukas-Altenburg.de
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