Freitag, 27. März 2015

Eine Erklärung der BILD Macher die absolut Inakzeptabel ist

Warum BILD das Bild von Andreas Lubitz zeigt
In den sozialen Medien, auf Facebook und auf Twitter, aber auch in den traditionellen Medien ist eine Debatte darüber entbrannt, ob es legitim ist, den Germanwings-Copiloten von Flug 4U9525 zu zeigen und namentlich zu identifizieren.
BILD hat dies getan. Der Mann heißt Andreas Lubitz. Fotos von ihm finden sich auf BILD.de und in der gedruckten Ausgabe von BILD.
Auf unserer Facebook-Seite gibt es viele kritische Kommentare dazu. Deswegen wollen wir gern erklären, warum wir unsere Entscheidung nicht nur für richtig, sondern für völlig selbstverständlich und absolut zwingend halten.
Nach Erkenntnissen der ermittelnden Staatsanwaltschaft hat Andreas Lubitz „die Zerstörung des Flugzeugs bewusst eingeleitet“ und somit 149 mit in den Tod gerissen – ermordet. Er hat selbst gewählt, ein Verbrechen von historischen Ausmaßen zu begehen. Er ist ein Amokläufer, der mehr Menschen auf dem Gewissen hat als jeder Einzeltäter der deutschen Nachkriegsgeschichte. Seine Waffe war keine Pistole, kein Gewehr, sondern – wie bei den Terroristen des 11. September – ein Passagierflugzeug. Er hat seinen Opfern nicht mal die „Gnade“ eines schnellen Todes gewährt, sondern sie qualvollen acht Minuten Sinkflug in den Tod ausgesetzt. Wenn man versucht zu erahnen, was diese acht Minuten für die Menschen an Bord bedeutet haben müssen, kann man das durchaus als grausam, als Folter, als Ritualmord bezeichnen.
Wir haben es mit einem Mann aus der Mitte unserer Gesellschaft zu tun, der als Figur des Grauens, als bisher größter deutscher Verbrecher des (jungen) 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird. Die Aufgabe von Journalismus ist es, Geschichte zu erkennen, zu dokumentieren, zu erzählen, während sie entsteht. Das ist zwar deutlich schwieriger als der Rückblick, wenn alle historischen Fakten bekannt sind, aber es ist der Kern unseres Berufs. Wir üben ihn aus, indem wir Reporter zu allen Menschen schicken, die etwas über den Fall wissen könnten. Zu allen Menschen, die den Täter kannten. Aber auch, ja, zu den Menschen, die von diesem Verbrechen betroffen sind, zu Angehörigen, zu Vertretern der Fluggesellschaft, zu Ermittlern, zu Politikern.
Und ja, wir halten es für legitim, die Hauptbeteiligten von historischen Ereignissen, in diesem Fall den Täter, beim Namen zu nennen. Der Amokläufer von Erfurt hieß Robert Steinhäuser, der Amokläufer von Winnenden hieß Tim Kretschmer. Die Geiselgangster von Gladbeck hießen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski. Geschichte wird von Menschen gemacht. Menschen haben Namen. Namen sind Geschichte.
Wir glauben auch, dass es richtig ist, den Täter Andreas Lubitz zu zeigen. Als Person der Zeitgeschichte muss er – auch im Tod – hinnehmen, dass er mit seiner vollen Identität, seinem Namen und auch seinem Gesicht für seine Tat steht. Historische Verbrechen lösen einen langen, schwierigen Prozess der Verarbeitung aus. Zu wissen, wer für das Verbrechen verantwortlich ist, welcher Mensch die Tat begangen hat, ist essentiell für die historische und emotionale Aufarbeitung. Wir machen Andreas Baader, Mohammed Atta und Anders Behring Breivik nicht unkenntlich. Und genau so wenig tun wir es mit Andreas Lubitz, dessen Name der französische Staatsanwalt in einer dramatischen und historischen Pressekonferenz vor der Weltpresse buchstabierte. Natürlich war Andreas Lubitz psychisch krank. Wer nicht psychisch krank ist, entschließt sich nicht zu einer solchen Tat, aber das macht Andreas Lubitz nicht weniger historisch.
Der überwältigende Anteil traditioneller Medien auf der ganzen Welt hat dieselbe Entscheidung getroffen wie wir. Darunter ausnahmslos alle Medien, die den journalistisch-ethischen Standard unseres Berufes seit Jahrzehnten prägen: Der Guardian, die BBC, die New York Times, die Washington Post, CNN, die Nachrichtenagentur Reuters, das Wall Street Journal, der Stern in Deutschland. Wir sagen damit nicht, dass wir so handeln, weil andere so handeln. Wir kommen nach langen inner-redaktionellen Debatten nur zu derselben Entscheidung wie unsere Kollegen weltweit. Wir glauben, dass unsere Kollegen richtig gehandelt haben. Wir glauben, dass wir richtig gehandelt haben. Und noch mehr: Wir glauben, dass es unserem Beruf nicht gerecht wird, Erkenntnisse über den Täter zurückzuhalten, zu unterdrücken.
Sowieso ist es abwegig zu glauben, dass die traditionellen Medien in Zeiten von Social Media Informationen kontrollieren, zurückhalten könnten. Der vollständige Name Andreas Lubitz wurde seit gestern über 120.000 Mal getwittert und ist ein weltweiter Trend. Auf Google gab es gestern allein in Deutschland eine Million Suchanfragen zu „Andreas Lubitz“. Die Vorstellung, wir könnten auch nur ansatzweise Einfluss darauf nehmen, ob der Täter idenifizierbar ist oder nicht, ist schlicht absurd.
Wir stimmen unserem FAZ.net-Kollegen Mathias Müller von Blumencron voll zu, wenn er schreibt: „Es ist die Psyche von Andreas Lubitz, die Unfassbares verursacht hat. Die Lösung ist nach gegenwärtigem Stand nur in der Person des Kopiloten zu finden. Wir müssen uns mit ihm beschäftigen, wir müssen ihn ansehen, wir dürfen ihn sehen.“
Nach unserem journalistischen Selbstverständnis kann es nur eine Antwort auf die Frage geben, ob Menschen, die historisch Großes leisten und historisch Schreckliches anrichten, mit ihrer vollen Identität dafür stehen und einstehen sollten: Ja.
Kai Diekmann und Julian Reichelt

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