Freitag, 3. Januar 2014

Von einem "Wettbewerb der Schäbigkeit" ist bisweilen die Rede, wenn es um den deutschen Strafvollzug geht. Das mag übertrieben sein, doch von einheitlichen Qualitätsstandards ist die Bundesrepublik weit entfernt. Insbesondere die Resozialisierung krankt - weil sie sich auf die Zeit im Knast konzentriert anstatt auf die Freiheit danach. Prof. Dr. Bernd Maelicke hat in einem Aufsatz in der Süddeutschen Zeitung gravierende Veränderungen gefordert: "Wir brauchen in allen Ländern einen Umsteuerungsprozess mit veränderten rechtlichen, finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen. 90 Prozent der Resozialisierungs-Kosten in den Landeshaushalten werden zur Zeit für den Vollzug aufgewandt (mit 40.000 Vollzugsbediensteten ), die restlichen zehn Prozent für die ambulanten Dienste der Justiz mit ihren 3500 Gerichts- und Bewährungshelfern sowie für jene 550 Projekte der Freien Straffälligenhilfe.
Vor allem sie sind strukturell unterfinanziert und existenziell bedroht. Es fehlen offenkundig neben den Vollzugsgesetzen Landesresozialisierungsgesetze, die ambulante Dienste und regionale Verbundsysteme strukturell absichern.
Nach dem heutigen Stand der Forschung können die Rückfallquoten deutlich reduziert werden. Dies geht jedoch nur, wenn das jetzige "Vollzugsdenken" überwunden wird und Resozialisierungsprogramme und -strukturen optimiert werden. Solange die Justiz nicht entsprechend umsteuert und ihre Gesamtverantwortung weder erkennt noch wahrnimmt, muss sie sich vorwerfen lassen, nicht alles fachlich Mögliche und Gebotene zur Erhöhung der Sicherheit der Bürger zu tun."
SZ, 17.07.12

Klaus war schon als Kind kriminell. 30 Jahre hat er im Gefängnis gesessen. In der Freiheit muss er damit zurechtkommen, dass er allein ist. Er wurde 2012 aus der Sicherungsverwahrung entlassen und beschreibt in einem Interview schildert er seine Lebenssituation, seine Einstellung und mangelnden Perspektiven.
"Wie war der erste Tag in Freiheit?
... Ich hatte mir vorher über einen Kumpel eine Wohnung besorgt und brauchte Geld für die Kaution. Ich sage: Ich muss noch mal zur Zahlstelle, brauche Geld. Wie viel denn, fragt der. Ich sage: 1.600. Die sagen, das muss ich mir genehmigen lassen. Ich sage: Erstens ist das mein Geld, und zweitens ich werde morgen entlassen! Da ist der runter zum Teilanstaltsleiter, und der sagt, ich dürfe nur 400 Euro mitnehmen. Ich sage: Warum? Und der sagt: Wegen Fluchtgefahr.
Erzählen Sie freimütig von Ihrer Vergangenheit oder kommt die Fragen eher vom Gegenüber?
Das kommt darauf an. Wenn der Kontakt intensiver wird, spiele ich mit offenen Karten. Ich habe keinen Bock, lange rumzumachen. Arbeitsmäßig spielt sich sowieso nichts ab. Ich bin zum Arbeitsamt und habe gesagt: Finanziert mir einen Führerschein, dann habe ich eine Möglichkeit. Da haben die sich krummgemacht bis zum Abwinken. Läuft nicht.
Mit welcher Begründung?
Der Arbeitgeber soll das vorfinanzieren. Da sag ich: Ich muss doch erst mal einen Arbeitgeber finden. Der Weg ist doch ein anderer. Wenn ich einen Führerschein habe, finde ich leichter Arbeit.
Aber wenn ich zum Arbeitgeber gehe, fragt der mich: Was haben Sie denn die letzten 30 Jahre gemacht? Das Jobcenter wollte mir was auf 400-Euro-Basis vermitteln.

Im Dschungel der Justiz IV Chance oder Untergang
Vorgeschlagen für den Nationalen Buchpreis das Politische Buch
der Friedrich Ebert Stiftung.
 Ich habe in meiner Recherche zu allen meinen Bänden der Buchreihe Im Dschungel der Justiz, viele Ehemalige und noch Untergebrachte "Sicherungsverwahrte" kennengelernt. Viele Schicksale, viele Lebensgeschichten und noch mehr Menschen, denen die Wiederaufnahme in die Gesellschaft verwehrt wurde. Strafe muss sein, ja das Sehe ich auch so, aber Strafe muss auch einmal Enden und der Mensch muss wieder als Mensch erkannt werden, wenn Wir dass nicht schaffen, haben selbst Wir unsere Menschlichkeit verloren.
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