Mittwoch, 8. Mai 2013


Der Missbrauch vor und nach dem Missbrauch

Quelle : Clemens Fobian, basis-praevent, 

Sie geben sich als Kämpfer gegen Sexualstraftaten an Kindern aus und sammeln damit hundertausende Freundeskontakte bei Facebook. Die Neonazis-Szene greift immer stärker das hoch emotionale Thema Kindesmissbrauch im Netz auf, um geschickt rechtsextreme Propaganda zu platzieren. Viele User, die ahnungslos “gefällt mit” klicken, wissen nicht wer tatsächlich hinter den Webseiten steckt. Eine gefährliche Entwicklung.
„Meinem Kind gelehrt, du kannst auf Erwachsene bauen, und dann der Fehler, das sie jeden vertrauen. Und grad von diesen Onkels gequält und missbraucht“, singt Annet Müller in ihrem Lied über eine Mutter, dessen Mädchen von einem Sexualstraftäter ermordet wird und noch in der Nacht des Todes schwört, in Zukunft gegen die Täter aktiv zu werden. Ein zunächst redlicher Schwur, dessen Bedenklichkeit jedoch bei näherer Betrachtung schnell offenkundig wird, denn bei Annet Müller handelt es sich nicht um eine besorgte Mutter, sondern um eine überzeugte Neonazistin, die mit ihren schief gesungenen Balladen gern gesehener Gast auf Veranstaltungen der NPD oder Kameradschaftsabenden ist. In ihren Liedern besingt sie ein völkisch geprägtes Bild der Familie, aber auch von dem „kulturellem Tod Deutschland“. Somit hat sie es geschafft, als weibliche Vertreterin für ein Bild jenseits von männlichkeitsdominierten Neonazis zu sorgen – ihr Lied „Wir hassen Kinderschänder“ wurde über 1 Million mal auf youtube angeklickt. Um herauszufinden, was sie sich darunter vorstellt, wenn sie sie ihre Lieder singt, ist eine Betrachtung der neonazistischen Strategie und ihrer Ziele notwendig.
Neonazis sprechen in ihren Publikationen und Verlautbarungen zumeist von „Kinderschändern“ und offenbaren so, dass es ihnen eben nicht um Kinderschutz geht. Der von ihnen benutze Begriff der Schande suggeriert, dass ein Kind ‚geschändet‘ wurde bzw. dass ‚Schande‘ über das Opfer gekommen ist. Somit bekommt das Opfer eine moralische Kategorisierung. Hierdurch wird nicht der angeblich propagierte Opferschutz in den Vordergrund gestellt, sondern die Opfer werden einmal mehr missbraucht. Auch die geforderten schärferen Strafen, die immer wieder in Reden und Veröffentlichungen auftauchen appellieren an Rachegelüste, nehmen aber auch hier wieder die von sexueller Gewalt Betroffenen aus dem Fokus und erschweren ihr Leiden noch zusätzlich. Die Fachberatungsstellen gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen stellen in ihrer Beratungsarbeit die Strafverfolgung nicht in den Vordergrund sondern orientieren sich daran, was die Betroffenen an Unterstützung brauchen. Für einige kann die Strafanzeige ein Schritt in der Bewältigung sein, oftmals steht dies aber am Ende eines langen Beratungsprozesses. Viele Betroffene müssen außerdem erst einmal soweit stabilisiert werden, dass sie überhaupt die zusätzlichen Belastungen eines Strafprozesses durchstehen. Wenn der Druck auf die Opfer bzgl. Strafverfolgung noch erhöht wird, könnte dieses evtl. noch der Aufdeckung von Taten entgegenwirken. Um das zu verstehen, lohnt sich eine Auseinandersetzung mit den Strategien der Täter.
Die Mehrzahl der Täter kommt aus dem sozialen Nahbereich der Kinder (Familie, Bekannte etc.) und baut zunächst eine Beziehung zu dem späteren Opfer auf und versucht im Anschluss ein Vertrauensverhältnis zu entwickeln, um somit das Kind stärker an sich zu binden. Oftmals sind die Kinder durch den vorhergegangenen Vertrauens- und Beziehungsaufbau so loyal gegenüber dem Täter, dass es ihnen schwer fällt, sich jemanden anzuvertrauen. Scham über das Geschehene und eigene Schuldzuweisungen verstärken noch die Annahme von Hilfe.
Viele Täter beeinflussen ihre Opfer auch damit, dass sie ihnen suggerieren, dass, wenn sie jemanden etwas erzählen, etwas Schlimmes passieren wird (dass z. B. das Kind ins Heim kommt o. ä.). Einen Zwang zur Strafanzeige am Anfang des Aufdeckungsprozesses würde den Druck auf die Betroffenen noch mehr erhöhen. Noch weniger Kinder würden sich jemanden anvertrauen, aus der Angst heraus, dass sie aufgrund der eingeredeten Mitschuld vielleicht selber noch dafür haftbar gemacht werden könnten.
Aber auch die Tatsache, dass die meisten Täter aus dem sozialen Nahbereich oder der Familie kommen, führt dazu, dass Kinder sich selten mitteilen. Aus Angst ihre Familie zu zerstören oder den Vater (der oft immer noch der Familienernährer ist) zu bestrafen, teilen sich viele Kinder nicht mit. Aussagen wie: „Ich möchte aber nicht, dass mein Vater ins Gefängnis kommt“ werden teilweise von Kindern geäußert, wenn sie von sexueller Gewalt berichten.
Mit der Wahl des Themas geht es den Neonazis also nicht darum, Kinderschutz zu propagieren, sondern sie wollen sich bewusst in Auseinandersetzungen einbringen und ihre Weltsicht und politische Vorstellungen verbreiten. Hiermit sind sie erschreckenderweise oft sehr mehrheitsfähig und finden Rückhalt in breiten Schichten der Gesellschaft.
Nicht abgesprochen werden soll eine ehrliche Anteilnahme und Trauer über Morde und Gewalttaten an Kindern. Imaginieren sich diese doch eine Volksgemeinschaft. Es herrschen also biologische Gemeinschaftsvorstellungen vor und eben dieser rassistisch definierte Volkskörper muss geschützt werden. Wozu ihre geistigen Vorgänger 1941 die „Reinigungstodesstrafe für Sittlichkeitsverbrechen“ eingeführt haben.
Soweit sind die Neonazis von heute noch nicht, so dass sie lediglich ihrer Meinung kundtun und einzelne Propagandaaktionen durchführen können.
Ein weiteres Feld der neonazistischen Auseinandersetzung ist das Internet. Auf mehreren Internetseiten und in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter wird das Thema platziert, aufgegriffen und für die eigene Propaganda genutzt. Als zentrale Seite kann hier das Angebot „Deutschland gegen Kindesmissbrauch“ angesehen werden. Auf dieser Seite werden offen Angebote und Informationen der NPD, nicht nur zum eigentlichen Seitenthema, verbreitet.
Konsequenzen
Insbesondere die Nutzung von neuen Medien durch neonazistische Akteure muss aktiv beobachtet werden und auch im Auge behalten werden, um wirksame Gegenstrategien entwickelt zu können.
In Seminaren der Fachberatungsstelle basis-praevent mit Schulklassen sammeln wir immer wieder die Erfahrung, dass Jugendliche selbstverständlich in sozialen Netzwerken unterwegs sind und diese oftmals als erste Anlaufstelle wählen, so dass sie hierrüber ihre online Kommunikation durchführen oder Hilfsangebote recherchieren. Sind Fachberatungsstellen also nicht aktiv in diesen Netzwerken, überlassen sie neonazistischen Initiativen die Deutungshoheit.
Opfer sexueller Gewalt brauchen keine härteren Strafen für Täter. Wirkungsvoll wäre eine flächendeckende Ausweitung des Beratungs- und Therapieangebots. Gerade das Angebot in ländlichen Regionen oder aber für Jungen und Männer ist höchst defizitär.
Aber auch auf der Täterseite reicht es nicht, Täter einfach wegzusperren. Verurteilte Sexualstraftäter brauchen therapeutische Hilfe in der Haft. Gleichzeitig fehlt es auch an therapeutischen Angeboten für Männer, die sexuelle Neigungen für Kinder verspüren und die dies als Problem erkennen.
Von neonazistischen Kampagnen, die den Anschein erwecken, dass sie pro Kinderschutz wären, muss sich in aller Deutlichkeit distanziert werden. Die Sorge um das Wohl von Kindern und Jugendlichen kann nicht einhergehen mit menschenverachtenden Parolen, die ganz anderen Zwecken dienen.
Infos auch auf den Facebook Seiten.

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