Donnerstag, 25. April 2013


Eine gescheiterte Existenz V. “Verlassen”

Eine damals 46-jährige Frau hatte im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ihre vier Kinder im Alter von zwölf, elf, neun und acht Jahren ohne Aufsicht in einer völlig verdreckten Wohnung zurückgelassen und war zu ihrem Freund gezogen. Wochenlang mussten sich die Kinder alleine durchschlagen. Dann meldete sich der Älteste beim Jugendamt; die Geschwister wurden in einem Heim, dann in einer Wohngruppe untergebracht.

Hier, in der von einem Verein betreuten Einrichtung, blieben Joshua, Frida, Maria und Moses ein gutes Jahr lang – und entwickelten sich prächtig. „Am Anfang waren sie total verstockt und verschlossen“, erzählt ein Betreuer, der die Kinder mitbetreute. Nachdem sie aber dann mit weiteren sechs Kindern im Alter von 8 bis 17 Jahren und wechselnden Betreuern in der Gruppe zusammenlebten, seien sie immer aufgeschlossener geworden.
„Sie konnten wieder Kinder sein, ohne Verantwortung tragen zu müssen“, sagt der 26-jährige Betreuer. „Sie lernten wieder, zu lachen und zu weinen, Emotionen zu zeigen.
Sie sind mittlerweile selbstständige Persönlichkeiten geworden, die Dinge bewusst hinterfragen, Wünsche äußern und ein Selbstwertgefühl entwickelt haben.“
„Da gab es häufig Tränen“
Natürlich habe es immer wieder Krisensituationen gegeben, sagt der Betreuer. Dazu trug die Mutter maßgeblich bei, die in einer Zeitung die Frage, warum sie die Kinder denn allein gelassen hätte, mit dem Satz beantwortet hatte: „Vielleicht hatte ich einfach mal die Schnauze voll.“ Anfangs sei sie noch zwei Mal die Woche zu Besuch gekommen.
Darüber seien die Kinder sehr glücklich gewesen. Sie hätten viel geschmust und seien danach aufgeputscht gewesen.
Dann, nach einem halben Jahr, seien die Geschwister aber immer häufiger enttäuscht von der S-Bahn-Station, von der sie ihre Mutter abholen wollten, zurückgekommen.
Ihre Besuche wurden immer seltener. „Da gab es häufig Tränen“, erzählt der Betreuer. „Die Kinder waren zutiefst erschüttert.“
Irgendwann sei die Mutter, der vom Familiengericht mittlerweile das Sorgerecht aberkannt wurde, gar nicht mehr gekommen. Die Enttäuschung darüber hätten alle vier Kinder noch längst nicht überwunden.
Auch der Vater, ein gebürtiger Mosambikaner, sei nur selten dagewesen. In der Wohngruppe seien die Kinder aber regelrecht aufgeblüht. Joshua, dem ältesten – der für seine drei Geschwister monatelang Vater- und Mutterersatz gespielt und darauf geachtet hatte, dass Zähne geputzt und Hausaufgaben gemacht wurden, dass etwas zu essen da war – sei erst einmal klar gemacht worden, dass er keine Verantwortung mehr zu tragen brauche.
Die Kinder, die zunächst als „verstockte Allianz“ aufgetreten seien, seien nach und nach sanft voneinander getrennt worden. „Die drei Kleineren waren ihrem großen Bruder ja geradezu hörig“, sagt eine Betreuerin. Die „perfekte Familie“
Die Jungs seien dann in verschiedene Fußballvereine gegangen, die Mädchen in Tanzgruppen. Viel Spaß hätten die Kinder auch auf Reisen gehabt. Und in der Schule seien auch alle mehr oder weniger problemlos – normal eben – mitgekommen. „Wir haben so etwas wie die perfekte Familie geboten.“
die Kinder sind dann weg aus der Wohngruppe des Vereins in einer Wohngruppe eines anderen freien Trägers.
Ich hatte Joshua den heute 19 Jährigen ältesten dieser Kinder”Persönlich” kennengelernt und war von seiner Offenheit über das was ihm und seinen Geschwistern widerfahren war, sehr beeindruckt. Er erzählte mir von seinen Erlebnissen und dem was er und seine Geschwister alles durchmachen mussten. Ich dachte bei diesen Erzählungen ständig an das was C. in seiner Kinder und Jugendzeit erlebte und heute noch erleben muss.
Infos über diese Buchreihe auch auf den Facebook Seiten.

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