Sonntag, 3. März 2013


Im Dschungel der Justiz VI Kleine Leseprobe


Bei den hier beschriebenen Erklärungen der gesellschaftlichen Notwendigkeit von Knästen ist von zentraler Bedeutung, wie sich die „Anderen“, also die „Kriminellen“ vorgestellt werden – genauer: wie sie konstruiert werden. Kriminell sind grundsätzlich die anderen, Mensch selbst wähnt sich auf der richtigen Seite und solange dies gelingt, lässt sich auf die „Kriminellen“ mit dem Finger zeigen als diejenigen, die das Schlechte, Böse verkörpern und somit dafür verantwortlich gemacht werden. Stets auf der richtigen Seite zu stehen wird zu einer bedeutenden Aufgabe aller Bürgerinnen.
Dass es jedoch ziemlich kompliziert ist, in seinem Leben nicht „kriminell“ zu werden und keine Gesetze zu überschreiten, wird hier vernachlässigt. Schwarzfahren, bei rot über die Ampel gehen, Filesharing & Raubkopien, Steuern hinterziehen, besoffene Schlägereien: All das gehört zum Alltag vieler Menschen und wird trotzdem nicht oder selten als „kriminell“ eingeordnet.
Zudem findet eine Diskussion der Ursachen von gesellschaftlichen Konflikten kaum statt. Vielmehr werden bestimmte als „kriminell“ gebrandmarkte Handlungen aus dem Kontext gerissen, entpolitisiert und individualisiert.
Schuld sind die sich falsch Verhaltenden, die Frage nach den ihrem Verhalten zugrunde liegenden Strukturen bleibt aus. Somit wird nicht nur der Blick auf die „Anderen“ gelenkt, sondern gleichzeitig die Diskussion um Macht- und Gewaltverhältnisse bewusst vermieden. Auch wir denken, dass handelnde Subjekte für ihr Verhalten verantwortlich sind (ansonsten betrachteten wir ja beispielsweise auch Nazis einfach als „Opfer der Verhältnisse“). Das Ausblenden des Verhaltens der restlichen Menschen, die an gesellschaftlichen Prozessen teil haben und diese mit gestalten jedoch ist fatal. Das Subjekt ist kein passives Objekt von Zwangszurichtung, sondern der Zwang bringt Individuen dazu, sich selbst als Subjekt zu konstituieren. Die Produzierung des „Zwangs“ verläuft subtil und horizontal, ist also nicht von gedachten „Machteliten“ o.ä. inszeniert oder denen „da unten“ übergestülpt.
Eine sich als radikal verstehende Kritik kommt an der Frage nach den Ursachen von „Kriminalität“ nicht vorbei und muss sich zudem die Frage stellen, was denn eigentlich als „kriminell“ gilt und was nicht.
Auch die Frage, wer eigentlich im Knast sitzt, gibt Aufschluss über die gesellschaftlichen Verhältnisse bzw. die Vorstellung darüber, wer als kriminell angesehen wird. So haben über 90 Prozent der Delikte, die heute zu Haftstrafen führen direkt oder indirekt mit Eigentumsverhältnissen zu tun. Die größte Gruppe der Gefangenen sind Userinnen illegalisierter Drogen.
Die Äußerung, es müsse nach alternativen Umgangsweisen mit Gewalt gesucht werden, setzt voraus, wir lebten in einer bis auf Einzelfälle gewaltfreien Gesellschaft. (Strukturelle) Gewaltformen, die jedoch integraler Bestandteil eben dieser Gesellschaft sind, werden hier ausgeklammert. Abschottung vor Flüchtlingen, Gewalt in der Familie, Polizeigewalt, Knast, Arbeitszwang sind nur einige Formen von gesellschatlich legitimierter Gewalt, teils in Gesetze gegossen, teils akzeptiert oder hingenommen. Von Gewaltfreiheit auf einer individualisierten Ebene zu sprechen ist unzureichend.
Wer von „Alternativen“ zur Gewalt spricht, muss von Alternativen zu dieser Gesellschaft sprechen.
Die Frage danach, ob Knast ein angemessenes Mittel zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte sei, stellt sich in der Form für uns nicht. Vielmehr gehen wir davon aus, dass Knast Teil der Verhältnisse ist, die es zu überwinden gilt. Antworten auf Konflikte zu finden ist durchaus Aufgabe einer emanzipatorischen Bewegung, nicht jedoch derer, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung der Verhältnisse haben. Ziel kann es nicht sein, die Gefängnismauern einzureissen, umstehende Gebäude und die Straße jedoch als solche zu erhalten. Es geht darum, für eine Gesellschaft einzustehen, die sich die Frage nach der Institution Knast nicht stellen wird. Es ist eher müßig, Einzelheiten eines verwirklichten utopischen Prozesses zu diskutieren, auch da wir viele der bestehenden Formen des Infragestellens der Integrität von Menschen als dieser Gesellschaft immanent betrachten.
Eine ernst zu nehmende knastkritische Bewegung wird sich dieser Aufgabe jedoch stellen müssen. Da Knast hier und jetzt keine Lösung ist, sehen wir einem oft geäußerten Zwang zu Alternativen im hier und jetzt auch eher gelassen entgegen.
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