Freitag, 15. März 2013


Altern hinter Gittern bis zum Tode ?


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Altern hinter Gittern
Ohne die Gitterstäbe vor seinem Fenster ginge Werner H. als normaler Rentner durch: Seine größte Leidenschaft sind Modellbau-Eisenbahnen und in den Abendstunden spielt der 68-Jährige gerne “Mensch-ärgere-dich-nicht”. Dabei sitzt Werner H. in der Justizvollzugsanstalt Detmold, der fast 70-Jährige verbüßt dort seine Strafe wegen eines Sexualdeliktes mit anschließender Sicherungsverwahrung
Schon längst ist Werner H. kein Einzelfall mehr in Deutschlands Gefängnissen. Seit Jahren verzeichnen die Anstalten eine steigende Zahl älterer Häftlinge. Saßen im Jahr 2004 etwa in Nordrhein-Westfalen noch 395 Gefangene über 60 Jahren ein, zählten die Haftanstalten im vergangenen Jahr 484 Senioren – die meisten von ihnen Männer. Der älteste Häftling des Landes ist 84 Jahre alt, er verbüßt noch bis 2011 eine Strafe wegen versuchten Totschlags mit anschließender Sicherungsverwahrung.
“Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung spiegelt sich auch im Vollzug wider”, erklärt die Leiterin der JVA Detmold, Kerstin Höltkemeyer-Schwick. Deutschlands Bevölkerung werde immer älter und damit auch die Insassen der Gefängnisse. Außerdem verhängten die Gerichte verstärkt längere Haftstrafen und die Zahl der Senioren, die erstmals straffällig werden, steige an. Auf die veränderte Situation hat die Anstaltsleiterin deshalb im Juli 2007 mit der Gründung einer speziellen Abteilung für “Lebensältere” reagiert.
Medizinische Betreuung und Sport für die älteren Insassen 
Sie soll den Häftlingen einen “ruhigen Vollzug” ermöglichen. Wesentliche Merkmale des Bereichs seien eine intensivere medizinische Betreuung, mehr Bewegungsfreiheit in den Abendstunden sowie ein auf ältere Menschen abgestimmtes Sportangebot, erklärt Höltkemeyer-Schwick. Da die älteren Häftlinge nicht zur Arbeit in der JVA verpflichtet sind, steht ein “sinnstiftendes” Freizeitangebot im Vordergrund. Von reinen “Senioren-Gefängnissen”, wie dem in Singen (Baden-Württemberg), hält Höltkemeyer-Schwick nichts: “Da kommt man leicht in diesen Altersheim-Charakter.”
Auch Werner H. ist in der Senioren-Sektion untergebracht. Jeden Abend trifft er sich mit anderen Häftlingen zum Brettspielen im Gemeinschaftsraum. “Die Zeit vergeht schneller, wenn man da sitzt und knobelt”, erzählt der Mann mit den grau melierten Haaren. Auch beim Koch-Club, der alle 14 Tage von einem Priester organisiert wird, ist er dabei: “Nächsten Mittwoch soll es Lachs geben. Halt etwas, was wir hier sonst nicht kriegen.” Fünf Euro müssen die Gefangenen dafür selbst aufbringen. Auf das Sportangebot verzichtet Werner H. aber inzwischen: “Mein linkes Knie will nicht mehr und meine rechte Hüfte ist kaputt.”
An den Wänden in der Zelle von Werner H. hängen Fotos von Lokomotiven, früher hat er oft mit dem Modellbau-Club Ausflüge gemacht. Als Rentner im Knast zu sitzen und noch drei weitere Jahre vor sich zu haben, habe ihn anfangs geärgert, erzählt er, “aber mittlerweile habe ich mich damit abgefunden”. Besuch bekommt er nur noch von einem alten Modellbau-Freund, ansonsten sind fast alle Kontakte abgebrochen. Höltkemeyer-Schwick kennt dieses Problem: “Gerade bei den Älteren sterben eher mal Angehörige, der Kontakt nach draußen wird immer weniger.”
Umdenken nötig
Dem Justizministerium hat die Leiterin bereits ein Konzept für eine Erweiterung ihrer Lebensälteren-Abteilung auf 42 Plätze vorgelegt. Spezielle Matratzen, Griffe neben der Toilette zum besseren Aufstehen sollen dann kommen – schließlich gebe es auch Gefangene, die schlecht zu Fuß seien. “Es muss ein Umdenken in den Gefängnissen stattfinden”, appelliert Höltkemeyer-Schwick. Auch die Entlassung der Älteren müsse besser vorbereitet werden: “Es muss ein Netzwerk mit Altenheimen aufgebaut und damit ein Umfeld geschaffen werden, in das die Entlassenen gehen können.”
Dass viele ältere Häftlinge später gar nicht mehr aus dem Gefängnis wollen, diese Erfahrung hat der Leiter der Justizvollzugsanstalt Werl, Michael Skirl, besonders bei den Häftlingen mit Sicherungsverwahrung gemacht: “Das Gefängnis ist mit den Jahren so etwas wie ihr Dorf geworden. Einige lassen gar nicht mehr ihre Haftstrafen überprüfen.” Und dann komme es vor, dass “lebenslang wirklich lebenslang wird”. Wichtig sei dabei, dass der Häftling gesundheitlich tatsächlich noch haftfähig ist, erklärt Skirl. Wer pflegebedürftig wird, müsse in der Pflegeabteilung der JVA Hövelhof oder dem Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg untergebracht werden.
Häftling Werner H. hat dagegen bereits Pläne für die Zeit nach seiner Entlassung: “Wenn ich raus komme, suche ich mir ein möbliertes Zimmer und widme mich meinem Hobby – dem Modellbauen.”


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