Samstag, 23. Februar 2013


Haftentlassen im sozialen Empfangsraum


Sozialer Empfangsraum, was ist das? Ich will zunächst eine Episode berichten, die mich auf dieses Thema gebracht hat: Ein Gefangener der JVA Freiburg war für vier Tage auf Hafturlaub in Stuttgart. Vor seiner Verlegung in den offenen Vollzug nach Freiburg hatte die dort aufnehmende Anstalt einen solchen Urlaub zur Bedingung gemacht. Als er dort auf die Königstraße einbog, sah er vier Polizisten und Polizistinnen auf sich zukommen. Intuitiv schlug er einen scharfen Haken

seitwärts und schon rief einer “Hallo, junger Mann, da!”. Personalkontrolle. Der junge Mann hat nur eine Bescheinigung der JVA dabei, daß er von dann bis dann auf Hafturlaub sei. Auf die Frage, weshalb er denn einsitze antwortet er – wie er selbst meint höflich – das müsse er hier wohl nicht sagen. Eine/r der vier merkt an, ob er wohl renitent sein wolle. Dann sehen sie den Vermerk auf der Bescheinigung, daß er striktem Alkoholverbot unterliege. Sie lassen einen Labor-wagen zur Blutprobe kommen. Der braucht lange, bis er da ist, Ergebnis negativ. Man geht auseinander, zumindest auf einer Seite mit großer Erleichterung; denn diese Begegnung war für meinen Mentee eine bange Dreiviertelstunde mit allerhand Schaulustigen um die vier Polizisten und den Laborwagen herum und ihn selbst mitten drin. Das war eine mentale Prüfung und Herausforderung, er hat sie bestanden.
Den Begriff “sozialer Empfangsraum” habe ich von unseren professionellen Übergangsmanagern übernommen, er hat mir auf Anhieb eingeleuchtet, auch wenn dort im üblichen Sinne niemand empfangen wird wie etwa im Hotel. Ich will versuchen, ihn auf meine also unprofessionelle Weise zu erfassen. Ich will vor allem für die mentalen Schwierigkeiten und Herausforderungen sensibilisieren, denen sich ein Haftentlassener gegenübersieht.
Unser sozialer Lebensraum, das ist unsere Familie bzw unsere häusliche Lebensgemeinschaft, die Hausgemeinschaft in einem Mietshaus. Das sind die Menschen an unserem Arbeitsplatz, in unserem Wohnviertel mit Nachbarn und Geschäften. Das sind auch Verwandte und Freunde. Kurzum der soziale Lebensraum umfaßt alle Menschen, mit denen wir regelmäßig Kontakt haben, die in unserer Lebensorganisation eine mehr oder weniger bedeutende Rolle spielen, wobei gleichgültig ist, ob es sich um eine gute Beziehung handelt oder um eine weniger gute, ob es ein Abhängigkeitsgefälle gibt zwischen uns etc Dieser soziale Lebensraum ist über einen längeren Zeitraum gewachsen, hat sich entwickelt und gewandelt, muß immer wieder verteidigt, erobert, gesichert werden und gibt uns nicht immer sichere aber doch meist berechenbare Einordnungen für unser soziales Handeln.
Ein sozialer Empfangsraum ist nun entweder der vor der Inhaftierung bewohnte Lebensraum oder ein neuer oder weithin unbekannter neuer Lebensraum, in den sich der Entlassene erst noch einordnen muß.
Wechselwirkungen deshalb, weil die Wirkung, die das Verhalten eines Menschen auf andere ausübt und also die Reaktion dieser auf ihn selbst schon wieder das Verhalten verändern können und so fort. Wechselwirkungen sind einander bedingende und verändernde Wirkungen.
Ein neuer sozialer Empfangsraum bedeutet ein neues, ungesichertes, vielleicht auch nur vorübergehendes soziales Umfeld. Das empfindet naturgemäß zunächst nur der Ankömmling. Die Menschen um ihn herum nehmen ihn ja nur dann zur Kenntnis, wenn er zu ihnen in irgendeine Beziehung tritt: als neuer Mieter, als neuer Arbeitskollege, als neuer Tengelmann-Kunde. Die Menschen um ihn herum sind also mangels Kenntnis seiner Vergangenheit ohne irgendwelche Vorbehalte gegenüber dem Ankömmling. Das war bei der letzten Orientierung in einem neuen sozialen Umfelde, nämlich bei seinem Einzug in die Haftanstalt, völlig anders. Da wusste jeder den Grund seines Dortseins und ordnete ihn so oder so in sein Bild vom Menschen ein.
Der Knast als sozialer Empfangsraum mit seinen Wechsel- wirkungen wäre ein gutes Thema für sich, weil hier die Beziehungsverhältnisse klar scheinen und der Empfangsraum von vorne hinein auf vorübergehenden Aufenthalt angelegt ist. (Man kann die gesamte Haftzeit zuzüglich einer unbestimmten Zeit danach als präventives Übergangsmanagement sehen.)
Wie dieser vorübergehende Aufenthalt zur Einstimmung auf den nächsten Existenzwechsel-nämlich zum freien Leben und Arbeiten in einer offenen Gesellschaft genutzt wird (oder auch nicht genutzt wird), kann man zwar oft beklagen. Doch ein Mentor kann nicht eventuelle Versäumnisse des Vollzuges ausgleichen.
Meine selbst gewählte Klientel ist generell sehr auf die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse und Wünsche hin orientiert. Die Reflexion des eigenen Verhaltens und dessen Wirkung auf andere ist meist nicht ihre Stärke. Auch die Bedürfnisse anderer in die eigenen Absichten einzubeziehen ist nicht verbreitet. Ich sage ganz bewusst selbst gewählt, denn ich habe mich Entschieden, als Begleiter oder als Soziale Anlaufstelle für solch einen Menschen zu fungieren. Es ist nicht der Betreute, der mich aussucht, nein dazu gibt es zu wenige wie mich, die bereit sind einem solchen Menschen in die Gesellschaft zurückzuholen.
Die Sprache, die Tonart des Gesprochenen wie auch sein Inhalt, ja, auch die Körpersprache sind Signale, die der Mensch aussendet und die Reaktionen beim Empfänger auslösen. Diese Wirkungen und Rück- oder Wechselwirkungen sind wesentliche Abläufe gesellschaftlichen Lebens und entscheiden über Erfolg oder Mißerfolg, Wohlgefühl oder Unbehagen, Glück oder Unglück.
Ich halte es für Lebenshilfe, das Denken der jungen Menschen für diese Einsichten zu öffnen und ihr Empfinden zu schärfen. Das Leben für alle Beteiligten wird dadurch leichter.
Es ist entscheidende Voraussetzung, ob es jemand gelingt sich in seinem sozialen – und schon gar in einem veränderten sozialen Umfeld – zurechtzufinden. Auch wenn jemandnach drei Jahren Haft in sein ehemaliges Milieu zurückkehrt, ist das soziale Umfeld verändert. In diesem Falle steh er unter besonderer Beobachtung derer, die den Grund seiner Abwesenheit kennen und darauf warten, wie er sich nun verhalte, bewähre, nützlich mache, wie er den Verlockungender alten “Kumpels” begegnet. Wenn er in ein ihm unbekanntes Viertel zieht und folglich unvorbelastet ist, hat er es oftmals leichter. Aber auch dort gilt es, die Gegebenheiten offen und aktiv anzunehmen. Wenn dann doch einmal seine Vergangenheit bekannt wird hat er vielleicht schon ein versöhnliches Bild von sich gezeichnet, das Vorurteile abschwächt.
Das sind – ich muß es, betonen – für uns hier Selbstverständlichkeiten. Aber gerade weil es für unsere Mentees ungewohnte, ja nahezu absurde Gedanken sind, ist es mir wichtig, Sie und damit unsere Klientel zu sensibilisieren. Sensibilisieren zunächst nur, ein gewohntes Verhalten zu überdenken, zu überprüfen. Er kann dann durchaus zu dem Schluß kommen, daß der spontan gefaßte Vorsatz richtig war.Die überprüfte Bestätigung macht jedoch den Handelnden überzeugter und daher sein Handeln überzeugender.
Von manchen Gefangenen, auch solchen mit sehr guten Prognosen, habe ich gehört, daß sie meinen, man müsse ihnen gewissermaßen das Kainsmal auf der Stirn ablesen können, wenn sie als Lockerung draußen in der Stadt sind.
Es ist unsere Aufgabe, ihnen dies Gefühl zu nehmen bzw. ihnen klar zu machen, daß vor allem ihr eigenes Verhalten darüber entscheidet, welches Entgegenkommen oder auch welche Ablehnung, welche Einschätzung, welches vorläufige Urteil (nicht Vorurteil!) sie von bisher Unbekannten erfahren.
Dazu gehört, daß sie an unserem Beispiel erfahren, wie man auch einem unwilligen oder unfähigen Behördenmitarbeiter begegnet, die eigenen (also des Mentees) Interessen verbindlich aber hartnäckig vertritt. Auch wie man eigene Unwissenheit eingesteht und um Information, bittet.
Das schafft Hilfsbereitschaft beim Beamten. Das gleiche gilt für potentielle Wohnungs- oder Arbeitgeber.Haftentlassen im sozialen Empfangsraum heißt für den Betroffenen über die geschilderten mentalen Probleme hinaus vor allem Orientierungschwierigkeit in der Prioritätensetzung wie Personalausweis, Krankenversicherungsausweis, Konto, Anträge auf Kindergeld, Wohngeld, Wohnungssuche, Arbeitssuche und was der Dinge sonst noch sind. Das erfordert von allen Beteiligten, also auch den Mentoren, Fachwissen, das wir uns alle in gewissem Umfang und so peu à peu aneignen, das man auch erfragen und nachlesen kann.
Schwer Erreichbares ist nur zu erlangen, wenn es gelingt unseren Schützling davon zu überzeugen, daß wir ebenso wie er selbst und alle anderen, die einen Beitrag zu leisten haben, Teile des sozialen Empfangsraumes sind, in dem er sich einrichten muß, und der dann auch zum dauerhaften Lebensraum werden kann, wenn wir uns auch allesamt so verhalten.
Aber dafür sind Mentoren ja da.
Der Mentor unterstützt gegenüber der Behörde, dem Arbeit- oder Wohnungsgeber die Interessen des Mentees. Er wirbt aber auch gelegentlich um Verständnis bei seinem Mentee für die möglicherweise unbequeme Ansicht der anderen Seite. Er ist parteiischer Vermittler und Moderator und demonstriert solchermaßen die Erreichbarkeit akzeptabler Problemlösungen und vielleicht auch einmal die Hinnahme, ein besser gewünschtes Ziel nicht erreicht zu haben. Personal coaching könnte man das nennen.
Mir ist wichtig, den Mentee zu der Einsicht zu bringen, daß er seinen Mentor bei möglichst allen Veränderungen in seinem Leben informiert und Rat oder Hilfe nicht erst im Falle der Katastrophe, und damit vielleicht zu spät, erbittet. Die Balance zwischen lockerer Hilfe zur Selbsthilfe, gelegentlich freundlich strengem Antrieb und doch zu vermeiden, daß der junge
Mensch sich nach langer Zeit totaler Reglementierung einengend bedrängt fühlt, ist ein Akt auf dem Schlappseil, den jeder Mentor für sich und seinen Mentee einschätzen und durchstehen muss.
Dass kann mir nur gelingen, wenn ich in dem zu Betreuenden nicht den Straftäter erkenne, sondern den Menschen der sich vielleicht auch aus Angst und Scham hinter einer selbst gewählten Charaktermaske versteckt.
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