Donnerstag, 21. Februar 2013


Eine Gescheiterte Existenz. Ängste, Zwänge und Depressionen


Ein psychisch krankes Kind – darauf reagieren die meisten Menschen sehr sensibel und manchmal hoch emotional. Eine erhöhte Sensibilität diesem Thema gegenüber ist mit Sicherheit auch angemessen. Aber wie bei allen Krankheiten ist auch bei psychischen Störungen der wichtigste Schritt die Erkenntnis, dass eine fachgerechte medizinische Behandlung Verbesserung, Heilung oder die Fähigkeit, mit der Krankheit zu leben, ermöglicht.

Kinder und Jugendliche leiden immer häufiger unter psychischen Störungen wie Ängsten, Zwängen oder Depressionen. Mindestens fünf Prozent der Mädchen und Jungen bis zum 20. Lebensjahr benötigen wegen seelischer Leiden eine ärztliche Behandlung, weitere 10 bis 13 Prozent sind deutlich verhaltensauffällig, dies meldete auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP).
Die DGKJP schätzt, dass rund eine Million Kinder und Jugendliche psychisch oder psychosomatisch krank und behandlungsbedürftig sind. Wie eine Untersuchungsreihe der Universitätsklinik Heidelberg ergab, steigt bereits während der Grundschulzeit die Zahl der Kinder mit psychischen Problemen stark an: Waren von 4.000 untersuchten Erstklässlern 5,8 Prozent bereits einmal wegen psychischer Probleme oder Verhaltensauffälligkeiten in Behandlung, betrug dieser Anteil bei einer ebenso großen Zahl an Viertklässlern 10,6 Prozent. Prof. Franz Resch, Studienleiter und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP): „Nervosität, Anspannung und Konzentrationsprobleme und Hyperaktivität nahmen während der Grundschulzeit ebenso zu wie Übelkeit, Bauchweh und Kopfschmerzen.”
Dieser Trend setzt sich fort. Etwa jeder fünfte Jugendliche gerät in der Pubertät in eine psychische Krise. Stark zugenommen haben in den vergangenen 25 Jahren Magersucht und andere Essstörungen sowie Angsterkrankungen. Vier Prozent der jungen Leute leiden unter starken Depressionen – bis zu 4.000 Jugendliche setzten im vergangenen Jahr ihrem Leben ein Ende. Mindestens fünf Prozent der Jugendlichen konsumieren regelmäßig Alkohol und Drogen, über 100.000 sind süchtig, berichtet die DGKJP in ihrer Denkschrift „Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in der Bundesrepublik Deutschland”. „Auch schwere Störungen des Sozialverhaltens, Aufmerksamkeitsstörungen, motorische Unruhe, Tics und Zwangshandlungen zählen zu den häufigeren Störungen”, so Prof. Resch. „Oft treten mehrere gleichzeitig auf, oder die psychischen Belastungen führen zu Verstärkungen körperlicher Erkrankungen wie Asthma, Neurodermitis, Magen- oder Darmbeschwerden.” Sind ab der Pubertät deutlich mehr Mädchen als Jungen von psychischen Problemen betroffen, ist dieses Verhältnis in jüngeren Jahren umgedreht. 13,7 Prozent der männlichen, aber nur 7,6 Prozent der weiblichen Viertklässler waren schon in psychischer oder Psychiatrischer Behandlung.
Ursachenforschung: „Die Familie hat einen außerordentlichen Stellenwert”
Die Veranlagung zu hirnorganischen und psychischen Erkrankungen sowie zu bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen erhalten die Kinder von ihren Eltern. Inwiefern eine psychische Störung dann tatsächlich ausbricht, ist von vielfältigen Umwelteinflüssen abhängig. „Sehr belastend können akute Ereignisse wie der Tod eines Elternteils oder auch die Scheidung der Eltern sein”, erklärt der DGKJP-Vorsitzende Prof. Franz Resch. „Langfristig haben die sozialen und familiären Lebensumstände besonderes Gewicht. Massive Entbehrungen und Überforderungen können genauso schädlich wirken wie Unterforderung und Verwöhnung.” Die Rolle der Familie bezüglich Erziehung, Bildung und materieller Lebensbedingungen hat einen außergewöhnlichen Stellenwert. Prof. Resch: „Immer mehr Kinder leben wegen Scheidung oder Trennung nicht mehr in ihrer Ursprungsfamilie. Die steigende Zahl allein erziehender Eltern und die vermehrte Berufstätigkeit von Mutter und Vater sind Beispiele gesellschaftlicher Veränderungen, die für das Wohl der Kinder von großer Bedeutung sind.
„Eltern sollten keine Scheu haben, professionelle Angebote zu nutzen”
Wenn Eltern ahnen, dass ihr Kind eine psychische Auffälligkeit entwickelt haben könnte, wollen sie es oft zunächst nicht wahr haben. Noch mehr scheuen sie den Gang zum Kinder- und Jugendpsychiater. „Die DGKJP versucht, diese Schwellenängste abzubauen”, so der Vorsitzende Prof. Resch. „Eltern sollten ohne falschen Stolz professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Das Problem zu ignorieren bedeutet für viele Kinder massive bis schwerste psychische Probleme im Erwachsenenalter. Insofern leisten wir mit unserer Arbeit vor allem auch Prävention.”
Die moderne Kinder- und Jugendpsychiatrie bietet ein breites Spektrum therapeutischer Möglichkeiten. Dazu gehören Verhaltens- und Gesprächstherapien ebenso wie tiefenpsychologische und analytische Psychotherapien. Hilfreich sind auch kindgerechte Spieltherapien, Verfahren, die die ganze Familie einbeziehen, sowie individuelles Elterntraining. Prof. Resch: „Die angewandten Methoden orientieren sich immer an der persönlichen Situation des Kindes, an seinem Alter, seiner Entwicklung, seinem Milieu. Wichtig ist eine interdisziplinäre Behandlung, das heißt die verschiedenen beteiligten Ärzte und Therapeuten stimmen sich fachübergreifend ab.” In der Regel – bei leichten bis mittelschweren Störungen – kann die Behandlung ambulant in der Nähe des Wohnorts erfolgen. Bei schwereren Störungen ist eine stationäre Behandlung mit spezialisiertem Therapieangebot aussichtsreicher. So konnten laut einer Marburger Studie 80 Prozent der Patienten mit Essstörungen, 74 Prozent der Patienten mit einer Neurose und 72 Prozent der schizophren erkrankten Patienten nach stationärem Aufenthalt in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik mit deutlichen Verbesserungen entlassen werden.
Entwicklungsstörungen sind biologisch bedingte Störungen, die in der frühen Kindheit beginnen. Es wird unterschieden zwischen Teilleistungsstörungen und tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Bei Teilleistungsstörungen sind bestimmte Bereiche der kindlichen Entwicklung – wie etwa Sprache, Motorik oder Lese-/Rechtschreibfertigkeiten – im Verhältnis zur allgemeinen Intelligenz deutlich zurückgeblieben bzw. beeinträchtigt.
Bei tiefgreifenden Entwicklungsstörungen sind vor allem die soziale Kontaktfähigkeit des Kindes sowie seine emotionale Entwicklung betroffen. Tiefgreifende Beeinträchtigungen in der zwischenmenschlichen Interaktion in Kombination mit Kommunikationsstörungen und stereotypen Verhaltensweisen können Hinweise auf schwerwiegende Entwicklungsstörungen sein. Da sich Entwicklungsstörungen nicht von alleine “auswachsen”, ist eine Behandlung mit störungsspezifischen Trainingsprogrammen unverzichtbar.
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), auch Hyperkinetische Störung genannt, ist gekennzeichnet durch drei Kernsymptome, die in unterschiedlicher Gewichtung vorhanden sein können: motorische Unruhe, eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit und erhöhte Impulsivität (d. h. Neigung zu vorschnellen, unüberlegten und z. T. aggressiven Reaktionen).
Die Symptome beginnen bereits im frühen Kindesalter. Oft wird eine ADHS aber erst nach der Einschulung erkannt, wenn das Kind mit höheren Anforderungen an Aufmerksamkeit, Selbstorganisation und sozialer Integration konfrontiert wird. Kinder und Jugendliche mit ADHS haben häufig Probleme in der Schule und im Sozialen Umfeld weil sie im Unterricht „zappelig“ und unkonzentriert sind sowie oft mit anderen Kindern oder auch Erwachsenen in Konflikt kommen. Unbehandelt stellt eine ADHS einen erheblichen Risikofaktor für die Entwicklung eines Kindes dar: Misserfolge sowie negative Reaktionen von Gleichaltrigen und Bezugspersonen belasten ein Kind auch emotional und können zu einer Verfestigung negativer Verhaltensmuster führen, in ausgeprägten Fällen kann sogar schulisches und Berufliches Scheitern drohen. Häufig kommt es, vor allem auf Grund der erhöhten Impulsivität, auch zu Störungen im Sozialverhalten: Es fällt den Kindern und Jugendlichen schwer, sich an Regeln zu halten, sie neigen zu aggressivem, manchmal auch delinquentem Verhalten, sagen die Unwahrheit etc.. Vor allem im Jugendalter kann die Sozialverhaltensstörung oft zum Hauptproblem werden mit einem erhöhten Risiko für Missbrauch von Alkohol oder anderen Drogen. Übergänge der Störung ins Jugend- und Erwachsenenalter sind nicht selten.
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